Von Hamburg bis Hawaii

Unterwegs in aller Welt

BMW 420d xDrive M-Line

Gutes Wetter und Urlaub kamen zusammen, um sich mit einem guten Angebot zu kombinieren. Ein Cabrio-Wochenende hatten wir geplant, als wir die Preise bei Sixt sahen. Schnell war für wenig Geld ein Mercedes SLK gebucht. Und um sicher zu gehen, dass es kein BMW Z4 würde, den wir ja schon gefahren hatten, haben wir noch schnell per eMail geklärt, dass es doch bitte ein SLK sein solle. Und wenn möglich kein 200. Man könne uns das natürlich nicht versprechen, aber man werde es in der Buchung hinterlegen.

Voller Freude sehe ich am Vorabend der Abholung in die Sixt-App. In dem Feld, in dem man normalerweise 30 Minuten vor Abholung ein Fahrzeug aus dreien auswählen kann, steht ein Mercedes E200 CGI Cabrio. Das ist zwar ein Upgrade, aber nicht der gewünschte Roadster. Schnell befrage ich Google, ob ich dieses Fahrzeug mögen würde. Immer wieder lese ich etwas von unerwartet hohem Spritverbrauch.

Pünktlich kommen wir am Hamburger Flughafen an. Bei Sixt ist gerade nichts los, und wir kommen sofort dran. Ich begrüße die Dame, die uns anlächelt, mit „Guten Tag, ich habe eine Reservierung. Aber über das Fahrzeug müssen wir noch mal reden.“

Schnell wird klar, die SLKs sind alle weg. Und das E-Klasse Cabrio sei doch schon ein Upgrade. Ja, das sei es, erwidere ich und frage einfach mal, was denn noch da sei. Nun, wenn wir mehr Platz bräuchten, einen Touareg… Platz, liebe Dame, sollte nicht das Problem des Wochenendes sein, wir hatten einen SLK reserviert. Ein A6 mit Handschaltung wäre noch da und als Cabrio, da wäre noch ein VW EOS. Das passt nun eher alles nicht, und auch wenn die Sache hoffnungslos erscheint, fragen wir nach einem Z4. Nein, die sind auch alle weg. Die 4er Cabrios, die es in der gleichen Klasse wie das E-Klasse Cabrio gibt, auch. Aber ein 4er Coupé wäre noch da. Wir überlegen kurz, das Wetter wollte sowieso nicht so recht wie wir. Cabrio oder Coupé? Cabrio oder…. Der 435i in Monterey auf dem Hotelparkplatz hatte mir ja schon gefallen, und er ist das neuere Modell. Wieso eigentlich nicht? Die nette Dame erklärt uns noch, wo das Fahrzeug steht.

BMW 420d xDrive M-Line

Und so spazieren wir mit dem Mietvertrag an BMW i3 und Jaguar F-Type vorbei ins Parkhaus. Ein 420d in weiß soll es laut Papier sein. Wie bieder das klingt… Nunja, immerhin dürften wir mit dem kleinen Diesel kein Problem mit dem Verbrauch haben.

Im Parkhaus ist der 4er dann schnell gefunden. Er ist das einzige weiße Fahrzeug und steht neben dem A6, der es auch hätte werden können. Ein Diesel, in weiß. Meine Lippen ziehen sich nach oben. Petra sagt leise „Och joh“ und lächelt ebenfalls ein wenig. An der Seite, klein und unauffällig, prangt ein M. Auch auf den Felgen und den blau lackierten Bremsen. Auch am Lenkrad. Und hinten ein xDrive. Wer auch immer bei Sixt den kleinsten Diesel eingekauft hat, er hat ihm Allrad-Antrieb und das M-Sportpaket verpasst. Auch das passende Aerodynamik-Paket ist verbaut, und so richtig brav sieht das Coupé nun gar nicht mehr aus.

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Wir steigen ein und fühlen uns in den halt gebenden Sportsitzen sofort wohl – selbst mit sehr breiten Schultern und kräftigem Rumpf sitzt man darin komfortabel, das ist keineswegs die Norm bei Sportsitzen. Wir wollen schon nicht mehr aussteigen, da bittet eine Frau von nebenan uns um Hilfe. Das Navi in ihrem Nissan spricht nur Englisch mit ihr. Das ist schnell erledigt. Gleichermaßen schnell sind Spiegel und Sitz, leider nicht elektrisch, eingestellt. Ein kleiner flabbelig aussehender Arm fährt aus und reicht den Gurt nach vorne.

Ebenso wie die Türen ohne den Schlüssel zu nutzen aufgehen, Keyless Entry ist das Fachwort dafür, springt das Auto auf Knopfdruck an. Leiser tuckert der Diesel vorne. Wie bieder… Ich tippe auf das Gaspedal und die Gurte werden vom Gurtstraffer angezogen und drücken uns in die Sitze. Wie ungewohnt…

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Für die Ausfahrt aus dem Parkhaus muss ich mich erst mal an die Dimensionen gewöhnen. Der 4er ist nach vorne so lang wie der Z4. Und so unübersichtlich. Zumindest kommt es mir so vor. Die Haube ist hochgezogen und fällt dann plötzlich ab. Neu: in diesem Fahrzeug heisst es raten, wo es aufhört. Hinten hat er noch zwei Sitze mehr als der Z4, ist damit natürlich länger, macht aber beim Rangieren immer mal wieder piep, piep, piiiiiiieeeeeeeep.

Gemütlich gleiten wir über die Flughafenschnellstraße und den Zubringer zur A7. Hier merke ich schon, dass ich mich umgewöhnen muss, um nicht im Graben zu landen. Die Lenkung ist sehr direkt. Später, wenn ich über Efficient Dynamics nachlese, lerne ich, dass aus Energiespargründen keine Hydraulik mehr die Lenkung unterstützt, sondern ein kleiner Elektromotor, der nicht dauerhaft werkelt, sondern nur dann Strom verbraucht, wenn er muss. Das Lenkgefühl ist dadurch aber auch ein anderes, und zusammen mit der sehr direkten Lenkung und dem M-Sportfahrwerk, Gewöhnungssache.

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Allerdings auch etwas, woran man sich nach der Eingewöhnungszeit wirklich gut gewöhnen kann – die direkte, hochpräzise Übersetzung der Lenkung macht Spaß, und wir bedauern, dass wir keinen San Bernardino oder ähnliches in Reichweite haben.

Es geht rauf auf die Autobahn nach Norden. Sobald wir das weiße Schild mit den vier diagonalen schwarzen Balken sehen, trete ich aufs Gas. Unerwartet zügig ist der kleine Diesel von 120 auf 200. Damit hätte ich nicht gerechnet. Auch nicht, dass der LKW vorne vor die extrem hellen Xenon-Lampen des BMW zieht. Der Fuß schnellt auf das Bremspedal, und wir stellen fest, dass im M-Paket nicht nur eine blaue Lackierung für die Bremsen dazu gehört: auch die Bremsen sind besser als normale. Wir werden in die Gurte gepresst, und ich kann bei 80 gerade so den Fuß vom Pedal nehmen. Etwas länger und wir hätten gestanden. Der brave 420d kann auch anders.

Laut Datenblatt soll der 420d in der Spitze 240 km/h schaffen. Dazu kann ich gleich sagen, wir schaffen es das ganze Wochenende nicht, das auszuprobieren. Schuld ist hier der Verkehr. Für die restliche Zeit sind die Landstraßen die Schuldigen, die das wirkliche Revier des Coupés sind. Er mag Kurven, doch leider haben wir hier im Norden nicht so viele Serpentinen.

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Haddeby und Haithabu liegen hinter uns, und wir gondeln die B76 bis Kiel und dann die B502 nach Laboe. Die verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten wollen ausprobiert werden. Ein Schalter verspricht einen „Eco Pro Modus“ – energieoptimiertes Fahren. Der 4er lädt ohnehin durch Bremsenergierückgewinnung die Batterie, was die Lichtmaschine und den Verbrauch schont.

Doch Eco Pro macht mehr. BMW nennt das Efficient Dynamics. Das Fahrwerk wird verstellt, die Drehzahl sinkt, und damit auch der Verbrauch. Mit knapp über 1.000 Umdrehungen tuckert der 4er über die Landstrasse. Beim Passat hätte ich schon runter geschaltet – hier dagegen muss das nicht sein. Dies ist die richtige Gelegenheit, die gute Automatik auszutesten. In der Regel habe ich auch bei einer Automatik das Bedürfnis zu schalten oder die Kupplung zu treten. Doch hier nicht. Der 4er schaltet im richtigen Moment, und das auch noch unmerklich. Am Lenkrad gibt es zwar noch Schaltwippen, die ich beim Z4 auch mal genutzt habe, doch hier sind sie unnötig. Als Fahrer mit Handschaltung hat mir noch kein Automatik-Fahrzeug so gut gefallen wie dieses.

Petra hasst Automatikfahren normalerweise mit Inbrunst, und nach der eher schnarchpappigen und schwerfälligen Automatik des X1, den wir zu Jahresbeginn gefahren haben, steigt sie nur zögernd auf der Fahrerseite ein. Das hat sich drei Ampeln später erledigt. Auch ihre Erfahrung: die hier verbaute 8-Gang-Sportautomatik schaltet so, wie wir das selbst vom Drehzahlbereich auch tun würden; nie kommt das Bedürfnis auf, die Kupplung zu treten, weil alles fließt, und zwar flott.

Selbst die Start-Stop-Automatik ist so fix zugange und zuverlässig, dass man sich schon bald an das Ausgehen des Motors bei einem Halt gewöhnt hat, allein das „Abwürgen“ vor Einlegen des Rückwärtsganges irritiert bis zum Schluss.

BMW 420d xDrive M-LineBMW 420d xDrive M-Line

Zurück zu Efficient Dynamics. Im Grunde eine gute Idee zu effizienteren Fahrzeugen, doch so richtig Sinn macht das erst im Zusammenspiel mit Connected Drive. Es gibt keine wirkliche Motorbremse mehr. Wenn das Fahrzeug der Meinung ist, ich könne den Fuß vom Gas nehmen, dann zeigt es mir das an. Dabei nutzt es auch die Daten des Navigationssystems. Und dann macht es etwas, was BMW Segeln nennt. Der Antriebsstrang wird vom Motor entkoppelt. Rein durch die kinetische Energie gleitet das Fahrzeug weiter. Dazu muss das System natürlich wissen, dass keine Steigung kommt, und dazu hat es eben das Navigationssystem. In dem sind auch die Geschwindigkeitsbegrenzungen hinterlegt. Fehlt mal eins, macht das auch nix: in der Halterung des Rückspiegels ist noch eine Kamera, die vieles nach vorne erkennt, auch Schilder. Wenn dann all diese Systeme zusammenkommen, dann macht Efficient Dynamics wirklich Sinn. Das Auto fährt vorausschauend, was eigentlich der Fahrer von sich aus tun müsste, und spart dabei. So kommt BMW dann bei dem Turbodiesel mit doch 187 PS auf einen kombinierten Verbrauch von 4,7 Liter auf hundert Kilometer.

BMW 420d xDrive M-Line

Eigentlich wollten wir dieses Wochenende einen SLK nach Bremen fahren, um die Ruinen des Borgward-Werkes zu suchen. Es wäre passend gewesen, einen in Bremen hergestellten SLK in genau die Richtung zu fahren. Doch beim BMW 420d schaffen wir es nicht bis nach München. Also geht es auf der Elbuferstraße nach Osten. Auf der kurvigen Strecke kann das 4er Coupé genau das tun, was es soll: gemütlich cruisen. Dafür scheint es gebaut zu sein. In der Standard-Einstellung, die BMW Comfort-Mode nennt, gleitet der 4er über die Strassen. Aus dem guten Audio-System kommt Musik vom USB-Stick, dessen Anschluss in der Mittelarmlehne versteckt ist. In den Becherhalter passt gerade so die Klean Kanteen, und immer mal wieder unterbricht das Navi mit präzisen Abbiegeanweisungen. Dazu gibt es eine passende Kartenansicht. Alles passt, und hier zeigt sich das, was BMW Freude am Fahren nennt.

Doch halt. Da war noch was. Der Fahrfreudeschalter…

BMW 420d xDrive M-Line

Er ist nur einen Knopfdruck entfernt. Die Drehzahl schnellt nach oben, das Fahrwerk wird sportiver, die Lenkung noch etwas direkter, und der brave kleine Diesel verwandelt sich in eine zugstarke Fahrmaschine. Völlig unerwartet sprintet der 4er durch die Kurven. Er fährt wie auf Schienen – und ja, so macht er Spaß, so bringt er wirklich Freude am Fahren. Durch das M-Sportpaket wird aus dem Cruiser ein (sexy) Renner. — Gern würden wir auch mal den 435 xDrive dagegen testen.

Leider hat die schönste Fahrfreude irgendwann ein Ende. Es ist Montag früh, unser weißes Schätzchen für ein Wochenende muss zurück. Die Tankquittung lässt uns staunen. Trotz des vielen Probierens und der nicht immer effizienten Fahrweise begnügt sich der 420d bei uns mit 5,8 Liter auf hundert Kilometer.

Wir hätten das schmucke Coupé gerne behalten, auch wenn vielleicht nur 20 Weinkartons in den nicht so großen Kofferraum gepasst hätten. Dafür wäre der Shopping-Trip nach Frankreich wie im Fluge vergangen. Noch ein kleiner Sitztest: Ja, vorne in den Sportsitzen sitzen wir bequem, aber selbst hinten mit meinen langen Beinen hätte es gerade so gepasst. Allein die rechte harte Abstimmung der Federung – bei BMW ohnehin bekannt – merkt man hier im sportlich eingestellten Coupé doch deutlich, besonders wenn man auf Hoppelstrecken wie der A1 bei Lübeck unterwegs ist.

BMW 420d xDrive M-Line

Immer wieder durften wir an dem Wochenende feststellen, dass der 4er interessierte Blicke auf sich zog. Nicht so wie ein Oldtimer oder ein Ferrari. Nein, so auffällig ist er nicht. Tatsächlich gefällt uns das beinahe hanseatische Understatement dieses Coupés. Vielleicht ist es das M-Paket, das ihm einen ganz eigenen Charakter verleiht, den Hauch „badass“ unter der makellosen weißen Haube. Leute, die vorbei gehen, drehen den Kopf, an der Ampel blicken andere Fahrer herüber. Er scheint ein Blickfänger zu sein.

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Ein braves Auto ist der 420d. Aber nur beim Blick auf die Motorkennzeichnung am Heck. Der Rest ist Freude am Fahren.

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2 Comments

  1. Dan

    Netter Artikel, aber… M-Line? Vorher wohl Audi gefahren? 😉

    M-Sportfahrwerk bei einem XDrive – Gibts net…

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