Timmendorfer Strand

Okay, über den Titel kann man sich streiten. Eine Menge Leute meinen, nicht ganz zu Unrecht, der eigentliche Hausstrand der gut betuchten Hanseaten sei die Insel Sylt, und dafür spricht vieles. Irgendwie scheinen weite windumtoste Strände mit karger Landschaft wie auf Sylt dem Naturell des Hamburgers an sich zu entsprechen – vor Jahren las ich dass z.B. auf der Insel Fuerteventura überdurchschnittlich viel Hamburger und Norddeutsche Urlaub machen, gemessen an den Urlaubsgewohnheiten des Rests der Republik, und auch ich bin ein Fan beider Inseln…

Dennoch ist der tatsächliche Hausstrand, da wo man mal schnell über die Autobahn hinkommt, ein anderer: Timmendorfer Strand an der Ostsee, 15 km nördlich von Lübeck und damit über die A1 in etwas mehr als einer Stunde gut zu erreichen.

Morgensonne am Timmendorfer StrandAuf 6.5 km Strand (von Niendorf bis Scharbeutz) lässt es sich prima spazieren gehen, an der Promenade der Badeorte flanieren, oder auch einfach nur ein Sonnenbad nehmen.

Genau das haben wir gestern getan, es uns bei um 09:45 Uhr noch 15°C, später 20° C (an der Wettermessstation abgelesen)  gut gehen lassen.

Zunächst haben wir auf dem großen kostenfreien Parkplatz geparkt, von dort sind es nur wenige Meter bis in den Ortskern, der sich leider in den vergangenen 15 Jahren extrem von einem klassischen Seebad mit Jugendstilvillen zu einem „möndänen“ Badeort mit immer mehr hässlichen großen Hotelanlagen und Betonklötzen und Apartementblocks entwickelt hat.

Maritim,Die Türme des Maritim-Hotels gehören ja schon lange zum Stadt- und Landschaftsbild, aber leider müssen auch im Ort immer mehr der alten Villen dem global-urbanen Look marmor- und stahlglänzender Shoppingmalls weichen.

Dafür sieht man dann auch auf den Straßen die entsprechende Dichte an Luxuskarossen, vornehmlich mit Hamburger Kennzeichen, herumfahren. Ob Lamborghini oder Maserati, SLK oder S-Klasse, und vor allem Porsche in allen Schattierungen, es wird deutlich, dass sich hier die Champagner- und Hummer-Gesellschaft einen schönen Lenz macht – auch in dieser Hinsicht ist Timmendorf mit Sylt vergleichbar.

Die Gastronomie auf der Strandallee scheint sich dieser Tage komplett auf Kaffee und Eiscreme spezialisiert zu haben – vielleicht nicht allzu erstaunlich, kommen doch die schönen Tage erst noch, und nach dem nasskalten Frühling lockt so ein Eis noch mehr. Die Lädchen sind die ewig gleiche Monokultur von Juwelieren, Designerkleidung und Kinderkleidung, auffällig ist nur ein kleiner Jack-Wolfskin-Store unterm Reetdach (in welchem ich letztes Jahr eher zufällig neue Sandalen gekauft habe), im letzten Jahr gab es noch einen kleinen Delikatessenladen mit regionalen Spezialitäten und guten Fischwaren, der nun einer weiteren Boutique Platz gemacht hat. Ein weiteres Fischlädchen, welches Fisch „frisch aus dem Rauch“ verspricht, verkauft Makrelen, die alles andere als frisch oder handwerklich gekonnt geräuchert sind…

Der lang andauernde Umbau der Strandpromenade ist langsam abgeschlossen, zu den obskuren Erscheinungen gestern gehörten geradezu alienmäßig anmutende weiße Kuppelzelte am Strand:

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Hintergrund: vom 2. bis 4. Mai findet hier ein „Strand-Polo“-Turnier statt. Am Strand war bereits eine Spielfläche freigebaggert, die Kuppelzelte wuchsen um die Seebrücke und das Maritim herum wie Pilze, und die meisten Bänke waren davon verdeckt. Seeblick war, wie hier zu sehen, fast gar nicht mehr möglich von der Promenade aus. Dafür saßen wir dann aber ausgesprochen windgeschützt im Sonnenschein und genossen die Wärme und eine lange Lesepause.

Wirklich Sehenswertes hat Timmendorfer Strand nicht zu bieten, bis auf ein paar recht hübsche Villen direkt am Ufer, jenseits der Hotelkomplexe, in denen sich heutzutage meist luxuriöse Ferienapartments befinden. Das Highlight ist (für mich) der Strand und die dreck- und pollenfreie Seeluft.

Aber wäre das Nest nicht so bequem zu erreichen, wäre daraus sicher nie der große Ort geworden der es heute ist. Das Meer ist flach abfallend und ideal auch für Kleinkinder, der Sand ist relativ fein.

Mittlerweile ist leider auch eines meiner liebsten Restaurants an der Ostseeküste, das Strandhaus, Geschichte – gelegen in einer alte Jugendstilvilla in zweiter Reihe, gab es dort stets einfachen aber hervorragend zubereiteten Fisch, vor allem Ostseefisch. Nun steht das Gebäude komplett leer und es ist zu befürchten dass hier die Abrißbirne zuschlägt und ein weiterer seelenloser Apartmentklotz entsteht.

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Im Kurpark – leider nicht in Strandnähe – gibt es ein freies öffentliches WLAN für Besucher, das finde ich vorbildlich. Außer guter Luft, der Ostsee und einem langen Strand hat Timmendorf jedoch kaum Highlights – es gibt hübschere Orte als diesen. Und so werde ich wohl demnächst auch in den sauren Apfel beissen und mehr Kilometer fahren – und andere Orte an der Ostseeküste für einen sommerlichen Trip in die Meeresfrische wählen. Eine tolle Erinnerung werde ich aber auf ewig mit Timmendorfer Strand verbinden – 1996 oder 1997 war die Ostsee zugefroren, und wir sind am Karfreitag in strahlendem Sonnenschein auf dem dicken Eis herumspaziert – das war ein sehr abgefahrenes Gefühl.

Karls ErlebnishofAuf dem Heimweg, den wir gestern gegen Mittag angetreten haben, als es langsam voll wurde, sind wir noch der Beschilderung zu einem „Erlebnis-Bauernhof“ gefolgt. In dem kleinen Dörfchen Warnsdorf, am Hemmelsdorfer See, liegt dieser Bauernhof, ein Erdbeerhof, ein kleines Schloss, welches heute Privatklinik nebst Golfplatz ist, sowie ein weiterer direktvermarktenden Bauernhof.

„Wenn wir schon mal hier sind, können wir uns das auch ansehen,“ dachten wir uns. Auf dem Parkplatz stellte sich schon heraus, dass der Erdbeerhof und „Karls“ Hof zusammengehören. Der Hof entpuppte sich als eine Kreuzung aus Streichelzoo, Bratwurstbude, Gartenkeramik-Markt und Bauerhof-Café (der Kuchen sah gut und hausgemacht aus und roch nach Butter), sowie einer randvoll mit Kitsch und Lebensmitteln aller Arten und Bunzlauer Keramik gestopften Scheune, die ich als Touri-Ramschmarkt-Alptraum bezeichnen würde. Neben Nudeln von der schwäbischen Alb und Sanddorn aus Meck-Pomm gab es immerhin auch einige frische regionale Produkte wie Käse von den Backensholzern, Bauernbrot oder regional erzeugte Mettwurst, fast alles in Bio-Qualität, zu Preisen, die durchaus zivil waren.

Gelbe KuhLohnenswert allerdings ist der Trip dorthin nicht, es sei denn man möchte Kaffee und Kuchen zu sich nehmen und Kindern eine Chance zum Austoben auf dem großen Spielplatz mit Kettcar-Bahn oder im Streichelzoo geben. Die am Stand offerierte Bratwurst mit „Bauernpommes“ war eine ganz normale Industrie-Wurst und die Pommes genauso Tüten-Tk-Standardschnitt wie überall sonst auch. Da hilft auch keine gelbe Kuh auf dem Dach.