Beim überraschenden Elternbesuch entwickelte sich erstmals eine Situation, wie sie noch nie vorkam. Das Abendessen war nicht geplant. Ich kenne es nicht anders: Schon Tage im voraus wird festgelegt, was oder wo gegessen wird. So war es schon immer. Und so hatte ich es auch dieses Mal erwartet.

Doch dieses Mal hiess es: „Ich habe nichts vorbereitet“. Wir suchten so einige Optionen heraus. Erschwerend kam auch noch hinzu, dass am nächsten Tag in Bayern Feiertag sein würde, und manche Gastronomen von Silvester bis 6. Januar zu hatten. Am Ende stand die Wahl zwischen Fisch oder Fleisch. Ein kurzer Einwurf „Fleisch“ entschied die Frage. Wenn es doch immer so einfach wäre…

Wir fuhren nach Wörth am Main, wo wir den DJK Ratskeller aus TripAdvisor herausgesucht hatten. Im Vergleich zu den vielen anderen Restaurants und einer schlechten Pizzeria, in der wir schon einmal waren, hatte der Ratskeller eine einzige Bewertung. Diese zeigte zwar 5 Sterne, doch bei so etwas werde ich trotzdem immer skeptisch. Zu groß ist hier die Versuchung für die Eigentümer, selbst etwas zu verfassen.

Direkt am Bahnhof gelegen ist der Ratskeller schnell zu finden. Deutsch-jugoslawische Küche wird versprochen und gleich noch eine Kegelbahn dazu gegeben. Entsprechend war die Atmosphäre der Gaststube. Es war nicht gerade heimelig, und ich hatte das Gefühl, in einem Vereinsheim zu sein. Aber der Raum war gut gefüllt, was nicht als schlechtes Zeichen zu werten ist. Lediglich ein Tisch war frei und zierte sich mit einem Reserviert-Schild. Nach dem Blick in die Gaststube dachten wir uns schon, dass wir hier nicht unterkommen würden. Wir gingen wieder und stellten uns auf eine Suche nach Plan B ein, als uns der Wirt, Ivan Tabak, folgte. Fünf Minuten, ein Tisch würde gleich frei, bot er uns an.

Gut, blieben wir eben und setzten uns. Dass dann noch der Gesangsverein, der eine Wandlänge einnahm, sich in Konzertlautstärke unterhielt, da konnte der Wirt nichts für. Für die Akustik im Raum allerdings schon, ein paar Trenner wären zur Beruhigung sinnvoll gewesen. Der Inhaber war dann auch das einzige Personal, das zu sehen, war. Und er übernahm alles – von der Bestellaufnahme bis zum Servieren und Kassieren.

Meine Mutter bestellte sich einen „Kinder- und Seniorenteller“ oder auch „Kleines Putenschnitzel mit Pommes und Gemüse„. Was auf dem Tisch kam, war ein ausgewachsenes Schnitzel, dazu gute Pommes, ein unnötiges Salatblatt mit einer unnötigen Orangenscheibe, und Möhrenscheibchen mit einer Art Remoulade. Meine Mutter beschwerte sich nur über die Größe, die woanders eine volle Portion wäre und die Remoulade. In so weit hatten wir schon mal die richtige Wahl getroffen. Sie war die Zielgruppe für uns, und sie sollte zufrieden sein. Als eine weitere Bestätigung für einen guten Griff werteten wir, dass sie am Ende sogar die Telefonnummer der Gaststätte wissen wollte.

Ich hatte einen Räuberspieß mit Pommes, Djuvec-Reis und Salat. Ich bekam zuerst meinen Salat. Er war recht klein und nicht überfrachtet. Frischer Blattsalat, eine Gurkenscheibe, ein Tomatenspalt und geraspelte frische Möhren. Darüber war ein Dressing aus Mayo und saurer Sahne, welches nach selbstgemacht schmeckte. Das war schon mal überraschend. Dann kam der Berg Fleisch. Ein recht großer Teller mit den schon erwähnten guten Pommes, dem Reis, der matschig war und nach Tomate schmeckte, und einer großen Frikadelle, einem Schweinesteak, einer Scheibe Bauchspeck und einem Rindersteak. Den Reis liess ich liegen, er schmeckte nicht. Das Fleisch dagegen war gut gewürzt und gut gebraten. Nach der Hälfte des Fleischberges gab ich allerdings auf.

Petra ging es mit dem Grillteller nicht anders. Die Fleischzusammenstellung war anders. Keine Frikadelle, dafür Cevapcici und ein Spiess mit Schweinefleisch. Das Fleisch am Spieß war etwas zäh, der Rest aber auch gut gebraten und in einer Menge für zwei Portionen. Auch Petra liess den Reis links liegen.

Die letzte Überraschung kam vor dem heissen Likör, den es zum Abschied gab. Die Rechnung. Wir bezahlten für drei Personen inklusive Getränken und Trinkgeld gerade mal 40 Euro. Auch wenn hier einige Fußnoten mit Aromen und Geschmacksverstärkern nach dem Einsatz von Fertigwaren schreien, bekommt man am Ende richtig etwas für sein Geld. Wie die Kalkulation für den Wirt aufgeht, weiss ich nicht. Das Preis-Leistungs-Verhältniss für den Gast stimmt. Wir haben durchaus schon besser kroatisch gegessen, doch wir hatten keine großen Erwartungen, und die wurden bestens erfüllt.

Der Ratskeller liegt gegenüber vom Bahnhof Wörth am Main in der Pfarrer-Adam-Haus-Str. 6a im Untergeschoss. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Samstag 17 bis 24 Uhr und Sonn- und Feiertags zusätzlich 10:30 bis 14 Uhr.