Geschafft. Wir sind angekommen. Trotz aller Asche-Monster, wie es die deutsche Boulevard-Presse so gerne betitelt. Alles begann mit dem Wecker um vier am Montag morgen. Wir raus aus dem Bett und ab zum Flughafen. Bei Brussels Airlines gaben wir noch unser Gepäck ab, dann begann die Wartezeit am Gate.

Zusätzlich drohte noch eine Aschewolke, die Teile des europäischen Luftraums hier und da mal wieder ausser Gefecht setzte. Doch zu unserer Überraschung lief alles gut. Wir bestiegen pünktlich unseren Jumbolino, eine Avro RJ100 OO-DWK. Irgendwie sieht die kleine Maschine mit den vier Triebwerken komisch aus (Zitat: So klein und schon vier Triebwerke). Hier bekamen wir dann das, was wir gebucht hatten: Letzte Reihe, kein Frühstück. Dafür war es billig und nebenbei einer der pünktlichsten Flüge die wir bisher hatten.

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In Brüssel erging es uns nicht ganz so gut. Wir beeilten uns, um rechtzeitig am Gate von Jet Airways zu sein, das in einem anderen Terminal lag. Eine knappe Stunde vor Abflug waren wir dann auch da, unser Airbus A330-200 mit der hübschen Registrierung VT-JWD stand schon bereit.

Bald erfuhren wir, dass statt 10:15 Abflug um 11:00 Boarding sei, weil es zu einer Verspätung wegen hohem Traffic in der Luft käme. Um den Wartenden die Zeit etwas abzukürzen gab es Voucher für einen Snack, und eine Frau von der Sicherheit, die herumging, sich einzelne Leute herauspickte, ihnen Fragen zum Zweck ihrer Reise und zum Gepäck stellte und für alle, die selbstgedruckte Boarding Cards hatten, die ‚richtigen‘ Boarding Cards ausstellte.

Um zwölf betraten wir dann die Maschine, was uns auch nicht weiterbrachte. Als wir dann voll, also die Maschine, waren, erging die nächste Durchsage, dass uns Eurocontrol noch ein mal 40 Minuten aufgedrückt habe und man Einspruch eingelegt hätte, und wenn dem stattgegeben werden würde, würden wir gleich zurückgeschoben werden und starten. Theoretisch. Wir hörten eine FA etwas von „additional 1.5 hours“ murmeln. Ein weiteres interessantes Detail entdeckten wir, als das Bordsystem neu gebootet wurde:

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Mit etwas über 3 Stunden Verspätung ging es dann in die Luft. Wegen des ‚Asche-Monsters‘ mussten wir einen Großteil der geplanten Route umfliegen. Gerüchteweise sollte es über die Kanaren gehen, aber wir drehten dann doch zur Nordsee hin und trotz vergehender Flugzeit bewegte sich die Anzeige mit der Entfernung zum Ziel nicht weit nach unten. Quer über die Nordsee und die Shetland-Inseln ging es nach Nordwesten, bis zur Südostecke Grönlands. Völlig neue Ansichten waren das für uns Asienflieger. Eine riesige Eisfläche lag unter uns. Nichts als weiß, weiß, weiß. Leider mussten wir oft die Fensterblenden geschlossen halten, Ansage der FA, weil die Sonne so intensiv hereinstrahlte, dass man hätte blind werden können. Erst über dem Norden Kanadas schwenkten wir wieder nach Süden und damit auf Toronto ein. Nach einem ruhigen Flug ging es hier in einem sehr holprigen Landeanflug mit mehreren plötzlichen Absackern bis wir dann endlich aufsetzten. Mit nur 3,5 Stunden Verspätung waren wir auf kanadischem Boden angekommen.

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Nach einigem Herumirren – obwohl der Flughafen für einen der größten internationalen der Gegend gar nicht so groß wirkt – standen wir an der Immigration. Gut 30 Schalter waren geöffnet, und es warteten jeweils immer nur zwei oder drei Personen. Wir entschieden uns für Schalter 25, genauer Torsten, der den Beamten mit „Der sieht aus wie ein Nerd, den nehmen wir“ kommentierte. In der Tat, der Gute sah aus, als wäre er gerade einem Kevin Smith Film entsprungen, nahm ab zu einen Schluck aus seiner Thermoflasche, und schien gut drauf zu sein. Als wir dran waren, wurden wir gleich freundlich begrüßt, die Fragen, die er allen Einreisenden stellen musste, ratterte er nicht runter, sondern verpackte sie in einem kleinen Schwatz, und mit einer kleinen Anekdote über Reisende ohne Hotel und Geld hatten wir unseren Stempel. Das Gepäckband lag auch nur um die Ecke, wir stellten uns auf einen längere Wartezeit ein, da rollte schon unsere Reisetasche an. Auch die Zollkontrollen bestanden nur aus einem Beamten, der kommentarlos die Declaration Card einsammelte.

Da wir ein Auto reserviert hatten, machten wir uns auf den Weg zu den Vermietern. Auf dem Voucher stand was von Shuttle-Bus, doch wir folgten einfach den Schildern, und nachdem wir quer durch das Parkhaus gegangen waren, standen wir vor einer langen Schalterreihe aller Vermieter, die es hier so gab. Einen Shuttle-Bus braucht es hier wirklich nicht. Hinter dem Tresen kam dann das nächste Klischee. Klein, schwarz, Autovermieter-Hemd und eine Art Regenjacke darüber. Er hätte glatt aus einem Film entsprungen sein können. Genau wie der gegenüber beim Mitbewerber, weiß, klein, rundlich, Anzug. Nach einer Unterschrift hatten wir unser Fahrzeug. Im Prinzip, denn wir bekamen nur ein Dokument aber keinen Schlüssel. Wir sollten links um die Ecke gehen und man würde uns zeigen wo unser Fahrzeug steht. Zuerst stand da aber eine ganze Gruppe Männer in Anzügen, im dunklen Parkhaus, denen ich alles zugetraut hätte ausser Parkwächter zu sein. Ein Mann, vom Aussehen der Bruder von Samuel L. Jackson, sehr schick im dunkeln Anzug und mit Strickmütze, kam auf uns zu, besah sich unseren Mietvertrag und brachte uns zu einer Reihe Autos, wo wir uns ein Fahrzeug aussuchen druften. Der Schlüssel steckte an der Tür und wir konnten damit gleich los.

Wir entschieden uns für einen dunkelblauen Hyundai Elantra, einen Typ den wir von Deutschland nicht kannten. Bei der Ausfahrt aus dem Parkhaus wurde das Kennzeichen für unseren Mietvertrag aufgenommen und wir waren on the road.

Nach einer guten Stunde waren wir nach Kanada eingereist, hatten unseren Mietwagen und waren unterwegs nach Niagara Falls. Wir waren absolut überrascht. Positiv natürlich. Und wir dachten uns, wenn in Kanada alles weiter so unkompliziert läuft, könnte das Land uns gefallen.

Nach einiger Verwirrung auf den Highways rund um den Flughafen hatte unser Garmin dann Satelliten gefunden und navigierte uns zuverlässig mit der OpenStreetMap, die wir drauf haben, nach Niagara Falls. Von der Fahrt bleibt nur eins zu vermelden, ausser dass sie von Straßenzustand an deutsche Autobahnen mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 km/h erinnerte. Es war 18:52, eine Zeit, die ich wohl länger nicht vergessen werde, als Petra plötzlich von rechts schrie: „Der zieht rüber“. Links von uns, wir waren auf der rechten Spur zwischen Hamilton und Niagara, rollte gemütlich ein Truck, nicht zu vergleichen mit einem deutschen LKW, der dagegen recht süß ausgesehen hätte, sondern ein richtiger Truck. Und genau dieser zog ohne jegliche Ankündigung auf unsere Spur, wir genau auf halber Höhe. Ein beherztes Ausweichen auf den Seitenstreifen, der gerade in eine Auffahrspur wechselte auf der zum Glück gerade keiner kam, rettete uns.

Ohne weitere Zwischenfälle kamen wir in Niagara Falls und bezogen erst ein mal unser Zimmer im Days Inn & Suites. Hier sah man dann schon, dass man auch auf ältere Urlauber eingerichtet ist. Viel Platz, Sitz in der Dusche, Griffstangen an vielen Ecken und Kanten. Uns sollte es nicht stören, es war günstig, das Frühstück mit drin und das Zimmer ist für den Preis mehr als ok.

Da es noch hell war zog es uns an die Fälle. Wasserfälle scheinen Menschen magisch anzuziehen. Vom Hotel aus war es nicht weit und gut in ein paar Minuten zu Fuß zu erreichen. Dafür mussten wir durch Little-Disney-Land mit Guinness-Museum, Frankenstein-Achterbahn, Riesenrad, Spiegelkabinett und weiteren Jahrmarkt-Scheusslichkeiten.

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Zumindest waren wir dann am Wasser und konnten die Fälle sehen. Süß sahen sie aus. Die Dimensionen liessen sie ganz nah erscheinen, und irgendwie waren sie nicht beeindruckend.

Niagara Abendstimmung

Auch das Rauschen war nicht all zu laut. Verwundert und leicht enttäuscht liesen wir uns vom Garmin die Entfernung zum Earthcache am Table Rock, direkt an den Horseshoe-Falls zeigen. 1,2 Kilometer. Ok, dann durften auch die Fälle klein aussehen. Wir gingen die Strecke zu Fuß, wir hatten Zeit, vorbei an den kleineren amerikanischen Fällen auf das Hufeisen zu. Es wurde lauter, die Luft füllte sich mit Spray, und als wir dann davor standen, war der Eindruck schon etwas anders.

Erst von hier konnte man die Dimensionen richtig erfassen und nur von hier sieht man das Hufeisen richtig. Jetzt verstanden wir, was die Leute mit überwältigend meinten. Es wurde langsam dunkel und wir machten uns auf den Rückweg.

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Unser Abendessen gab es bei „The Guru“, angeblich einem der besten Inder der Gegend. Immerhin war es selbstgemacht und schmeckte gut, auch wenn Petra der Meinung war, sie könne das selbst besser. Müde fielen wir nach mehr als 24 Stunden auf den Beinen ins Bett.

Dank Jetlag begann der nächste Morgen kurz nach vier. Ein ganzer Tag in Niagara Falls sollte uns bevorstehen und wir hatten uns einiges vorgenommen. Wir starteten mit einem Touristenprogramm. Da wir aber sehr früh auf waren, gönnten wir uns einen Umweg auf dem wir noch ein paar Geocaches suchten. Immer näher an den Horseshoe Falls bekamen wir durch den Wind, der heute aus der anderen Richtung von den USA herüberwehte, immer mehr Wasser ins Gesicht gesprüht. Der Dunst der Fälle stieg auf und der Wind tat sein übriges. Direkt neben den Fällen standen wir dann praktisch im Sturzregen. Wir waren platschnaß und das Wasser tropfte nur so von uns herunter.

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Natürlich mussten wir uns den Walk behind the Falls antun. Nachdem wir kurz mit der Kassiererin gescherzt hatten, bekamen wir am Aufzug, der uns 35 Meter tiefer bringen sollte, noch hübsche gelbe Überzieher. Es sah aus, als würden wir in gelben Mülltüten stecken. Unten befanden sich Gänge, die mehr an einen Stollen einer Mine erinnnerten.

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So richtig lässt sich das Gefühl nicht erklären, hinter diesen Wassermassen zu stehen, die hier vor einem hinunterstürzen. Immerhin sind es 2,5 Mio. Liter die Sekunde. Alleine diese Zahl muss man erst mal realisieren. Auf der Aussichtsplattform vor den Fällen wurden wir noch ein mal richtig durchgeblasen und, hätten wir diese hübschen gelben Müllsäcke nicht gehabt, richtig durchgeweicht.

Der Rückweg führte uns zur Rainbow-Bridge. Unterwegs beobachteten wir die Maid of the Mist Boote und beschlossen, diese Tour, mit 40 $ nicht gerade günstig, nicht zu machen.

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Zu sehr erinnerten sie an Nußschalen. Über die Rainbow Bridge kamen wir auf die andere Seite des Flusses und damit in die USA. Nach einer kurzen Erklärung, warum wir einreisen wollten und dem Ausfüllen des Formulars konnten wir amerikanischen Boden betreten. Natürlich bot es sich hier an, den ‚Statistik-Länderpunkt‘ mit einem Cache auf der anderen Seite mitzunehmen. Am Ende wurden es drei Earthcaches und zwei Tradis, von denen einer besonders schön war.

Nachdem wir wieder zurück auf kanadischer Seite waren, wollten wir uns noch ein bisschen die Gegend ansehen. Ein Multi über die Geschichte des Krieges von 1812-14 führte uns den gesamten Niagara Parkway bis zum südlichsten Punkt entlang. Dabei sahen wir einige schöne Ansichten der Natur, Fort Erie und einen schicken Lost Place am Final. An einer Zwischenstation fanden wir sogar eine Letterbox, der wir aber leider keinen Letterbox-Cache bei geocaching.com zuordnen konnten.

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Ausserdem hatten wir unsere erste eindrückliche Konfrontation mit etwas, das Petra als den „Rasenwahnsinn“ bezeichnete – entlang des Niagara River stehen hauptsächlich Luxusvillen mit gefühlt hektargrossen korrekt balkengemähten Rasenflächen bis zur und sogar jenseits der Strasse.

Auf dem Heimweg versorgten wir uns in einem Supermarkt noch mit ein paar Broten und Wurst und Tomaten und Limonade zum Abendessen, die wir im Hotel verzehrten ehe uns die Erschöpfung ins Bett trieb. Damit endete dann auch der zweite Tag.